Logo
Seiteninhalt
„Alle Natur ist göttlich“
Aus einem spätägyptischen Lexikon der Sammlung Kurth
Leitender Priester zu werden im hellenistischen Ägypten war alles andere als einfach. Es mussten nicht nur verschiedene Schriftarten beherrscht werden – wie das Hieroglyphische, die davon abgeleitete Kursive des Hieratischen sowie das noch kursivere Demotische. Ein solcher Priester hatte vor Antritt seines Dienstes ein regelrechtes Hieratikum zu absolvieren, bevor er sakrale Texte komponieren und kopieren durfte. Auch ältere Sprachstufen wie das Mittel- und Neuägyptische, seit Jahrhunderten von dem gleichfalls Demotisch geheißenen Stadium abgelöst, wollten gemeistert sein. Der Schritt zum Philologen war damit nicht mehr allzu weit.
Neben Schrift und Sprache war natürlich Theologie das zentrale Pensum im Priesterseminar. Die oberen Chargen hatten sich ein enormes Wissen über ihre Götter und deren Mythen anzueignen, des Weiteren heilige Orte, Kultrequisiten, kurz alles, was zum Betrieb eines damaligen Tempels dazu gehörte, namentlich zu kennen. Der gesamte Kosmos wurde in all seinen Elementen lexikalisch erfasst. Also standen Astronomie, das Kalenderwesen und die darin eingebundenen religiösen Feste mit auf dem Lehrplan.
Erforschung der Papyri – ein Gemeinschaftsprojekt
Dank der wegweisenden Forschungen von Jürgen Osing (Berlin) kennen wir inzwischen bedeutende Auszüge aus solchen Lehrbüchern des 1. und 2. Jahrhunderts nach Christus. Keiner dieser Traktate kommt allerdings in vollständiger Gestalt daher, vielmehr verteilen sich nicht selten Fragmente ein und derselben Handschrift in diversen Sammlungen über den gesamten Globus. Durch die ständig fortschreitende Digitalisierung von Papyrusbeständen werden aber der Zugang und damit die Identifizierung der Bestände zunehmend erleichtert. Auch die Universitäten Jena, Halle-Wittenberg und Leipzig wirken an einem solchen Projekt mit: im Internet zu finden unter: http://papyri.uni-leipzig.de
Ein solches Unternehmen steckt voller Überraschungen. Eine davon war die Entdeckung von Resten eines Lexikons oder Onomastikons der oben beschriebenen Art im Archäologischen Museum der Universität Halle, datierend aus der spätptolemäischen Epoche der ägyptischen Geschichte (ca. 3. bis 2. Jahrhundert vor Christus).
Von vorn und hinten interessant
Bei der Autopsie eines Papyrus aus der ehemaligen Privatsammlung des Pastoren Dr. Julius Kurth (Abb. 1) stellte sich heraus, dass dieses Manuskript nicht nur auf seiner Vorder- oder Rectoseite einen Auszug aus dem sogenannten Totenbuch samt Vignetten enthielt. Das ist zunächst nichts Ungewöhnliches, auch wenn das hallesche Exemplar besonders gut erhaltene Illustrationen zu Kapitel 149 erhalten hat. Dieses Kapitel beschreibt 14 – durchnummerierte – Stätten der Unterwelt, die der Verstorbene ungehindert passieren möchte. Reste der 6. bis 11. Stätte sind noch in Gestalt der sogenannten Vignetten oberhalb der dazu gehörigen Textkolumnen erhalten. Auf der Rück- oder Versoseite trägt die Handschrift Reste dreier Kolumnen mit Einträgen zu Mineralien, Bäumen und Tieren (Vierfüßlern und Vögeln; Abb. 2). Jedes Lemma erhält eine eigene Zeile, nach dem Schema: „Was X angeht, so bedeutet es Y“. Die Ausdeutung des lemmatisierten Eintrages ist stets ein Gott oder eine Göttin, bisweilen auch deren mehrere zugleich. Die besterhaltenen lauten wie folgt (nicht markierte Ergänzungen basieren auf Parallelen):
Kol. I:
„Was das Gold angeht: Das ist der Leib des (Sonnengottes) Re. Was das Silber angeht: Das sind die Knochen des Re.
Was den Lapislazuli angeht: Das ist der Kopfputz / Haar des Re. Was den Türkis angeht: Das sind die Zähne des Osiris.“
Was den Malachit angeht: Das ist das Auge des Re.
Andere Tradition: Das ist das Horusauge.“
Der letzte Eintrag zeigt, dass die Kopisten mit verschiedenen Überlieferungen gearbeitet und diese gleichrangig neben den Ersteintrag platziert haben. Ohne Überleitung folgt in einer der Zeilen eine Liste von Bäumen und deren göttliche Zuordnung. So wie in den Mineralien manifestiert sich die jeweilige Gottheit in bestimmten Bäumen:
„Was die Zeder angeht: Das ist Osiris.
Was den Moringabaum angeht: Das ist Horus, das ist Thot.
Was die Sykomore angeht: Das ist (die Himmelsgöttin) Nut.
Was den Christdorn angeht: dito.“
Die antiken Schreiber haben für die Notation solcher „dito“-Vermerke einen einfachen Haken verwendet, ähnlich unseren zwei Häkchen.Und schließlich folgt auf dem halleschen Papyrus noch eine Reihe von Tieren und samt deren göttlichen Pendants, hier aber ohne ein „Betreff“:
„Meerkatze: Das ist Re.
Ichneumon (Ginsterkatze): dito.
Kater: dito.
Katze: Das ist das Auge des Re.
Ibis: Das ist Thot
Reiher: Das ist Re.
Weiblicher Geier: Das ist das Auge des Re.“
Die Bedeutung dieser Handschrift liegt u. a. darin, dass sie so manche Einträge auf bereits bekannten Papyri vervollständigt und neue hinzufügt. In Zusammenschau mit erst jüngst gemachten Entdeckungen, wonach selbst Feuersteinknollen im Kalksteingebirge von Theben-West, dem heutigen Luksor, Emanationen des Göttlichen waren und als solche verehrt wurden, fügen sich die neuen Informationen auf dem Papyrus in Halle zu dem immer deutlicher werdenden Bild von der Göttlichkeit der Natur nach altägyptischer Konzeption.
Die ersten Lexika gab es im Zweistromland!
Zudem repräsentiert sie einen wichtigen Schritt in der Entwicklung von Lexika, deren Anfänge bis ins 3. Jahrtausend des Zweistromlandes und Ägyptens zurückreichen. Wenn wir die Einträge unter dem Aspekt ihrer Strukturierung lesen, dann haben wir grob gesehen Zweispaltigkeit vor uns: 1. das zu erklärende Lemma und 2. in diesem speziellen Fall die mythologische Ausdeutung. Ergänzend sei bemerkt, dass zum Beispiel Bäume auch unter anderen Aspekten lexikalisch erfasst wurden, und dabei konzentrierte man sich dann auf deren botanische Spezifika und ggf. auf die Verwendbarkeit in medizinischen Rezepturen.Dieser Papyrus gehört in jedem Fall zu den bedeutendsten Aegyptiaca aus der 1993 in den Besitz des Robertinums gelangten Privatsammlung Dr. Julius Kurth (1870–1949), eines leidenschaftlichen Sammlers von Antiken (siehe auch den Beitrag zu Person und Sammlung J. Kurth von H. Löhr, in: scientia halensis 2 (1993), 15–17). Eine Präsentation dieser Aegyptiaca befindet sich gegenwärtig in Vorbereitung.
Hans-W. Fischer-Elfert
DIESE SEITE IN DER DRUCKANSICHT
DIESE SEITE EMPFEHLEN
LESERBRIEF SCHREIBEN
Zusatzinformationen
Prof. Dr. Hans-W. Fischer-Elfert
Ägyptologisches Institut / Ägyptisches Museum
– Georg Steindorff –
Burgstraße 21 (Interim)
04109 Leipzig
Telefon: 0341 9737011
E-mail: fischere@ rz.uni-leipzig.de
Spezialgebiete: altägyptische Literatur; Magie; Medizingeschichte
Jüngste Publikationen:
1. Altägyptische Zaubersprüche (mit Beiträgen von T. S. Richter), Reclams Universal-Bibliothek Nr. 18375 (Stuttgart, 2005)
2. Abseits von Ma'at. Fallstudien zu Außenseitern im Alten Ägypten (Ergon-Verlag Würzburg, 2005)



